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Raum als Metapher für Leben und Tod „Rotraum“ von Burkhardt Rokahr in Hannover – von Marianne Winter Von Künstlerpaaren ist nicht erst
seit Christo und Jeanne Claudes Reichstagsverhüllung die Rede.
Viel seltener sind dagegen Vater und Sohn an einem gemeinsamen Werk
beteiligt. Die Hannoveraner Galerie Invetro wartet derzeit mit dieser
Besonderheit auf. „Rotraum“ heißt die Installation des
Wolfenbütteler Künstlers Burkhardt Rokahr, die durch eine
Toninstallation des Musikers Tobias Rokahr junior erweitert wird. Beide Teile sind eigenständige Werke, die sich gegenseitig steigern und dem Besucher Augen und Ohren zur intensiven Wahrnehmung öffnen. Stille und Klang, Klarheit, Harmonie, Erhabenheit und Demut sind Empfindungen, die die Installation bewirkt. Der Galerieraum mit seinen Nischen scheint zum Kultraum zu werden und bewirkt einen Schwebezustand zwischen rationaler und irrationaler Deutbarkeit. Klänge, die aus unsichtbaren Quellen hörbar werden, verstärken diesen Eindruck. Dabei verwendet Burkhardt Rokahr nichts Artifizielles. Die Objekte sind in jedem Kaufhaus erhältlich: schlichte Decken, Stuhlkissen, Plastiksäcke. In der Farbauswahl Weiß und Rot und der durchdachten Anordnung verweisen sie ganz offensichtlich auf etwas anderes. In neuem Zusammenhang wird ihre Zweckbestimmung aufgehoben, die Gegenstände werden zu Zeichen, die auf Immaterielles verweisen. Diese Hintergründigkeit des Banalen ist von Rokahr beabsichtigt. Auffallend ist die Anordnung der Objekte, das serielle Prinzip, die Leere dazwischen. Assoziationen an rituelle Handlungen in kargen sakralen Räumen oder an Prozessionen, an kontemplative Gesänge oder Opferhandlungen eines archaischen Kultes. Möglich wird diese Umwandlung des Banalen in eine körperlich-geistige Essenz zum einen durch Idee und Formgebung des Künstlers, zum anderen durch die gedankliche Mitarbeit des Betrachters. Rokahrs Kunst zielt auf den Dialog mit dem Publikum, dessen Zuwendung die Dinge erst mit Sinn erfüllen. Assoziationen, Erinnerungen und Lebenserfahrungen entfalten sich an den Objekten und beleben ihren Gehalt. Die Farbe Rot hat der Installation den Titel gegeben. Sie setzt im weißen Umfeld entsprechende Akzente. In der Helligkeit und Reinheit der Räume verliert sie ihre aggressive Blutsbedrohung und wird lebenspendendes Hoffnungszeichen. Der Raum wird zur Metapher für Leben und Tod, zur Grenzerfahrung von Spiritualität, Burkhardt Rokahrs Kunst stellt existenzielle Fragen, ist bildgewordene, sinnlich erfahrbare Philosophie. Persönliche Prägungen sind die Impulse seiner Arbeiten. Tobias Rokahr, der in Hannover und Detmold Musik studierte und mit eigenen Kompositionen bereits beim Braunschweiger Kammermusikpodium zu hören war, wurde zu seiner einstündigen Klanginstallation „Rotraum“ durch die Arbeit seines Vaters inspiriert. Sie besteht aus drei Tonbändern, die Improvisationen über bestimmte Tongruppen in bestimmten Klangorten enthalten. Sie sind so aufeinander abgestimmt, daß sie jede für sich als auch im Dialog miteinander verstehbar sind. Sprachfetzen ähnliche Klanggesten, ausgedehnte Klangflächen und geräuschhafte Einwürfe lassen vielfältige Assoziationen zu. Braunschweiger Zeitung, 16.2.1999 |